SchülerInnen der ANS fahren nach Auschwitz


Unsere Schule fährt bereits seit 1997 im Rahmen von Studienfahrten nach Auschwitz. Damals noch mit nur einer Klasse. Seit 2013 ist es möglich jedes Jahr die Reise nach Polen anzutreten, sodass wir 2020 bereits zum insgesamt 17. Mal fahren werden. Es sind immer höchstens 40 Schülerinnen und Schüler des 10. Jahrgangs unterwegs. Die Organisation wird von den Lehrkräften, die die Fahrt begleiten, erledigt. Nach der Rückkehr gibt es immer einen Präsentationsabend, an dem die Schülerinnen und Schüler ihre Erlebnisse in den unterschiedlichsten Formen präsentieren und visualisieren. Vor zwei Jahren wurde ein Film gedreht, letztes Jahr wurden Bilder und Gedichte sowie ein besonderes Projekt gezeigt.

Die Studienfahrt nach Auschwitz im Januar 2019

Ein persönlicher Rückblick

 

"Im Januar dieses Jahres habe ich an der Studienfahrt nach Auschwitz teilgenommen. Ich fuhr dort hin mit dem Gedanken, es sei ein wichtiger Teil der deutschen Geschichte und ein Ort, den man bestimmt einmal besucht haben sollte. Ich wusste von dem geplanten Programm, doch wenn ich ehrlich bin, hatte ich nicht wirklich eine Vorstellung oder Ahnung, was auf mich zukommen würde. Als wir nach einer knappen Woche wieder zuhause angekommen waren, wurde mir häufig die Frage gestellt: “Wie war´s?” Eine einfache Frage, die man in anderen Situationen meist mit einer banalen und kurzen Antwort abhaken würde.

 

In diesem Fall fiel es mir aber sehr schwer, eine solche zu finden. Es steht außer Frage, dass die Fahrt super organisiert war, die Gruppe sehr gut zusammenhielt, wir wunderschöne polnische Städte und deren Kultur kennenlernten, die begleitenden Lehrer immer für uns da waren und wir unser Wissen enorm erweitern konnten. Doch nach Worten, die den Grund unserer Reise, also vor allem die Besuche im Stammlager und im Lager Birkenau, beschreiben könnten, habe ich lange gesucht.

 

Wir wurden im Stammlager, das wir an einem vernebelten, kalten Tag besuchten, wie auch später in Birkenau in zwei Gruppen herumgeführt. Die dunkle Vergangenheit dieser Orte konnte ich deutlich spüren. Jedoch war es erschreckend, wie normal die Gebäude auf dem Gelände aussahen. Die Gebäude, in denen unschuldige Menschen körperlich wie auch psychisch unbeschreiblich gelitten haben, wären mir an einem anderen Ort nicht mal aufgefallen. Während wir über die Gelände gingen, war es kaum vorstellbar, dass man genau an einer Stelle stand, wo viele Menschen vor nicht langer Zeit so großes Leid erfahren hatten. Gerade Birkenau ist unglaublich groß und vieles sieht sich sehr ähnlich. Dennoch schien man in jedem Pflasterstein die Verzweiflung und die Angst der Menschen zu spüren. Ich habe bei beiden Rundgängen komplett das Zeitgefühl verloren und hatte den Eindruck, dass meine Umgebung - je länger ich da war - immer mehr an Farbe verlor. Besonders berührt haben die Fotos und persönlichen Geschichten der Menschen, da sie dieser unfassbaren Zahl an Ermordeten einzelne Gesichter gaben. Es war nicht länger nur eine Anzahl an Opfern, die aufs Äußerste entwürdigt, gefoltert und umgebracht worden waren, es wurden einzelne Individuen.

 

Persönlichkeiten, die liebten, hofften und Angst verspüren. Grundlos ausgelöscht…

Worte, wie Traurigkeit, Wut, Verzweiflung oder Angst schienen mir plötzlich viel zu unbedeutend, zu ausdruckslos, um das Geschehene und meine Gefühle darüber auch nur annähernd zu beschreiben.

Mir wurde klar: Es gibt kein Wort, nichts, was uns ein Geschichtsbuch oder ein Informationstext herüberbringen könnte, das auch nur im Entferntesten an das Gefühl herankommt, welches einem ein solcher Besuch der Konzentrationslager vermittelt.

 

Gelernte Informationen vergisst man mit der Zeit. Doch an dieses Gefühl, als das Geschehene immer realer und greifbarer wurde, werde ich mich immer erinnern.

 

Für mich bewirkte diese Reise eine Hinterfragung der Menschheit.

 

Wie kann es sein, dass Vorfahren von uns über Jahre Millionen an Menschen aufgrund ihrer Religion, Abstammung oder ihrer Meinungsäußerung getötet haben? Wie konnten Menschen nur dazu fähig sein oder es sogar für richtig halten?

Der Mensch war vor ca. 70 Jahren ja nicht partout dümmer oder grausamer als heute. Also was erachten wir heutzutage als normal, vertretbar oder wo sehen wir lieber weg, weil wir uns nicht angesprochen fühlen, wenn Menschen leiden?

Derartige Hinterfragungen sind heute extrem wichtig, denn sie können uns davor beschützen, dass Vergleichbares erneut geschieht.

Ich bin sehr froh, diese Studienreise mitgemacht zu haben und meiner Meinung nach sollte jeder Mensch einmal im Leben einen solchen Ort besuchen, um sich das alles selbst bewusst zu machen.

 

Finja Pehlke

Die folgenden beiden Bilder sind der Ausstellung, die im Anschluss an die Studienreise entstanden ist, entnommen.